Zwischen dem Kleinen Wannsee und der Bismarckstraße liegt das Grab von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel. Am 21. November 1811 erschoss der erst 34-jährige Dichter seine an Krebs erkrankte Freundin und dann sich selbst.
Als ich die Grabstätte, die 2011 restauriert wurde, besuche, bin ich ein wenig enttäuscht. Sie scheint mir unspektakulär – ich hatte mir einen größeren Grabstein mit einem hohen schmiedeeisernen Zaun vorgestellt. Doch dann trete ich näher und lese die Inschrift auf der Vorderseite des Steines, die aus der Feder des jüdischen Dichters Max Ring stammt: „Er lebte, sang und litt/in trüber, schwerer Zeit/Er suchte hier den Tod/Und fand Unsterblichkeit.“
Ich lege einen runden Stein auf das Grabmal und erinnere mich an den berühmt gewordenen Abschiedsbrief, den Kleist seiner Schwester am Vorabend seines Todes schrieb: „(…ich sage nicht, was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war (…)“. Erschütternd, denke ich, dass ein junger Mensch so am Leben verzweifelte, dass er den Freitod wählte und gleiches für die (wohl unheilbar) kranke Henriette Vogel.
Die beiden sollen sich am Gasthof „Neuer Krug“ in Wannsee eingemietet haben, um ihren Nachlass zu regeln und am Folgetag aus dem Leben zu scheiden. Wo sich genau dieser Gasthof befand, ist heute nicht mehr ganz klar. Der Tagesspiegel benannte in einem Zeitungsartikel 2013 das Grundstück Königstraße 3b/4, einem mehreren tausend Quadratmeter großen Areal, das zum Park des ersten Villenbesitzers von Wannsee, Wilhelm Conrad, dem Gründer der Kolonie Alsen gehörte. Das später errichtete Hotel Wannseeblick verfiel, wurde in den Jahren nach 2010 abgerissen und ermöglichte einen grandiosen Blick über den Wannsee. Stand heute soll ein viele Jahre hochumstrittenes Bauvorhaben – sechs Geschosse Luxusapartments – nun realisiert werden.
Warum mir Kleist als Dichter so wichtig ist, beantworte ich als Jurist, aber auch als Literaturbegeisterter: In seinen Novellen berührt Kleist Kardinalfragen, die bis heute gültig sind – oder vielleicht sogar immer aktueller werden: Wie sind der individuelle Anspruch auf Recht und das formale Recht, das ein Staat vorgibt, in Einklang zu bringen – oder umgekehrt: Darf das eigene Rechtsempfinden so weit gehen, den Staat herauszufordern? Und wann schlägt der Anspruch auf Gerechtigkeit in Fanatismus um? Rechtspsychologen sprechen vom Michael-Kohlhaas-Syndrom, wenn jemand sein individuelles Recht bis zur Zerstörung durchsetzen will.
Kurz zur gleichnamigen Novelle: Der rechtschaffende Pferdehändler Michael Kohlhaas wird betrogen und begibt sich auf einen Rachefeldzug, weil ihm der Staat die ihm zustehende Gerechtigkeit verweigert. Die Geschichte spielt im 16. Jahrhundert in Brandenburg, der Text erschien 1808. Ein spannendes Gespräch unter Literaturwissenschaftlern über die Novelle und seinen Autoren können Sie auf dem offiziellen You-Tube-Kanal des Roman Herzog Instituts unter dem Titel „Gerechtigkeit. Wie aktuell ist die Novelle „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist?“ anhören.