Als Gustav Knuth 1979 die Hauptrolle des legendären Berliner Droschkenkutschers Gustav Hartmann übernahm, war ich erst 12 Jahre alt. Und doch faszinierte mich die auf sieben Teile angelegte Serie für die ARD aus zweierlei Gründen schon so früh: Erstens war Gustav Knuth ein Verwandter unserer Familie und zweitens die Geschichte des Droschkenkutschers, der sich aus Protest gegen die Verdrängung seiner Zunft durch motorisierte Taxis mit seinem Pferd nach Paris aufmachte, großartig, wie ich fand. 

Ich hatte den Roman von Hans Fallada „Der Eiserne Gustav“ gelesen und war entsprechend begeistert, dass ein Verwandter meiner Familie den Protagonisten verkörpern durfte.

Am 2. April 1928 bestieg der 69-jährige Gustav Hartmann seine Droschke, die von seinem 13 Jahre alten Fuchswallach Grasmus gezogen wurde. Und an diesem besonderen Tag ging es nicht wie sonst am Ende der Schicht für den Einspänner in den heimatlichen Stall, sondern weiter Richtung Süden. Über 2000 Kilometer legten der Eiserne Gustav, den Namen hatten ihm seine Droschkenkollegen für seine Pflichterfüllung und Beharrlichkeit verliehen, und sein Fuchs Grasmus zurück. Drei Monate waren sie insgesamt unterwegs, wurden auf allen Etappen gefeiert und bei ihrer Rückkehr im September 2028 unter dem Brandenburger Tor empfangen wie Helden.

Eiserner Gustav
Gustav Knuth

Der Protest gegen die Verdrängung des Berufsbildes der Droschkenkutscher durch die aufkommende Motorisierung änderte zwar an der Entwicklung nichts, machte aus dem bärtigen Berliner, der für sich und seine Kollegen mit einer spektakulären Aktion öffentlich eingetreten war, jedoch eine Legende.

Man bewunderte ihn, über 2000 Kilometer in einem 1-PS-Gefährt zurückgelegt zu haben, ohne sich die Wegstrecke mittels Landkarte vertraut gemacht noch die französische Sprache beherrscht zu haben. An seiner Kutsche stand seine Botschaft, die er unters Volk bringen wollte: „Der älteste Fuhrherr von Wannsee, Gründer der Wannsee-Droschken, erlaubt sich, mit der Droschke 120 die letzte Fahrt Berlin-Paris zu machen, da das Pferde-Material im Aussterbeetat steht.“

Der Fuchswallach Grasmus soll nach seiner grandiosen Leistung – welches Pferd kann von behaupten, mit einer politischen Botschaft in die französische Hauptstadt eingetrabt zu sein – noch einige Jahre Milch transportiert haben, während es um Gustav Hartmann beruflich still wurde. Er starb mit 79 Jahren und wurde auf dem Alten Friedhof in Wannsee (Lindenstraße 1) in einem Ehrengrab zur letzten Ruhe gebettet.

Links vom Eingang des Hauses Nummer 11 in der Alsenstraße, das der Eiserne Gustav von 1900 bis zu seinem Tod 1938 mit seiner Familie bewohnte, erinnert eine Gedenktafel an den berühmtesten Berliner Droschkenkutscher.

Ich stehe nun fast 100 Jahre später an genau der Stelle, an der Gustav Hartmann morgens seinen Einspänner bestieg und wahrscheinlich seinem Grasmus aufmunternde Worte zurief, bevor beide in das Abenteuer ihres Lebens starteten.

Meine Urgroßmutter erzählte mir viel von Gustav Knuth, der nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz gezogen war und ihren Briefwechsel. Er erinnerte sich immer gerne an seine Braunschweiger Zeit und war meiner Urgroßmutter wie aus dem Gesicht geschnitten.

Text und Idee: Claudia Lotz, Potsdam 

 

 

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